Dienstag, 28 Juli 2015 22:43

Abbildung von Leistung und Wert

geschrieben von 
Kinder bei der Kartoffelernte Kinder bei der Kartoffelernte Jan Temmel

Mittlerweile hinterfragen wir nicht mehr die irrige Vorstellung, dass Geld ein Resultat der Erwerbstätigkeit ist, die den persönlichen Konsum ermöglicht. In diesem Verständnis wird alles zur Ware, die Befriedigung von Bedürfnissen verkümmert darin zum Resultat. Wie anderes wäre die Welt, wenn Geld nicht für bereits geleistete Arbeitsstunden gezahlt würde, sondern um die Leistung eines Menschen überhaupt erst zu ermöglichen? Zu kompliziert? Verzeihung, aber das Leben funktioniert nun mal so!

Wenn wir die Pflanzen im Garten gießen, tun wir das auch nicht weil sie gewachsen sind. Und auch unsere Kinder (und uns selbst) ernähren wir, damit sie sich überhaupt entwickeln können. Demgegenüber ist unser Verständnis von der Entlohnung der Arbeit total lebensfremd!

Ein auskömmliches Leben ist für den Menschen nur möglich, wenn er ein Gutteil der dafür notwendigen Bedingungen selbst schafft. Wirtschaft ist darin jedes planmäßige Befriedigen von Bedürfnissen, wobei die Spanne grundsätzlich weit reicht, indem z.B. das Kümmern um die Ernährung in diesem Sinne genauso als wirtschaftliche Aktivität zu verstehen ist wie das Lernen und der Müßiggang es sind. Geleistete Arbeit führt als zielgerichtete Anstrengung bei Einsatz von „Betriebsmitteln“ (Zeit, Material, Werkzeug) zu einem Ergebnis: In einer bestimmten Zeitspanne wird eine Menge Holz gehackt, werden Kranke gepflegt, Vokabeln gelernt usw. Einem Plan folgend werden Handlungen vollzogen, die zum gewünschten Resultat führen. Ohne Wirtschaft und Arbeit ist menschliches Leben nicht möglich, denn die Beschaffenheit unserer selbst und die der Welt sind, was Notwendigkeit und Möglichkeit der Befriedigung unserer Bedürfnisse betrifft, unvollkommen. Zu unserem menschlichen Leben gehört, dass wir uns dieser Unvollkommenheit ausgleichend annehmen müssen. Das ist eine Aufgabe, die, objektiv und subjektiv, zum Sinn unserer Existenz gehört.

Arbeit bildet die wichtigste Grundlage für die Erfahrung von Lebensqualität, denn der Mensch erlebt darin, dass er die Welt zum eigenen und gemeinsamen Vorteil verändern kann. Er folgt darin einem Urbedürfnis seiner selbst. Aber nur noch 13 Prozent der deutschen Erwerbstätigen sind mit dem Inhalt und den Bedingungen ihrer Arbeit zufrieden, 20 Prozent haben innerlich gekündigt und 67 Prozent leisten lediglich Dienst nach Vorschrift (Quelle: Gallup Organization, 2009). Daran wirkt die Tatsache mit, dass jeder zweite Beschäftigte bei Antritt oder Wechsel eines Jobs nur einen befristeten Vertrag bekommt. Der eigentliche Wert der Arbeit für die Entfaltung des Menschseins spielt offensichtlich keine Rolle mehr. Es geht zunehmend nur noch um Geld, möglichst viel Geld! Indem wir die Arbeit zur Ware gemacht haben, haben wir uns tatsächlich einen Bärendienst erwiesen: Leistungen erfassen und berechnen zu wollen bedeutet noch lange nicht, sie in ein Koordinatensystem bringen zu müssen, das Arbeit erscheinen lässt wie jedes andere Gut dessen Preis aufgrund von Begehrlichkeiten steigt und fällt. Via Internet sind sogar diverse Rechner verfügbar, mit denen der Wert der eigenen Arbeitskraft berechnet werden kann. Unter der Überschrift „Wie wertvoll sind Sie?“ werden Menschen geradewegs dazu geführt, taxieren zu wollen, was so nicht bewertet werden kann.

Dacher Keltner schildert in seinem Buch „Born to be good“ (New York, 2009) die prinzipiell gute Natur des Menschen. Für diese Überzeugung, die das Resultat langer Forschungsreihen an der University of Califormia ist, wurde der Psychologieprofessor berühmt. Wie kann es sein, dass die langläufig verbeitete Meinung des Homo sapiens über sich selbst so oft dennoch eine ganz andere ist? Keltner hat sich auch damit befasst, indem er erforscht hat, was genau geschieht, wenn junge Menschen nach Beendigung ihrer Ausbildung in der Berufswelt unserer Tage ankommen, wenn sie mit den vorherrschenden Nöten und Träumen konfrontiert werden, die den Alltag der Weltbevölkerung treiben. Dann tritt bald die Gier an die Stelle idealistischer Begeisterung. Finanzielle Verpflichtungen werden von den Berufseinsteigern schnell übernommen, die Bindung an das System, das zu immer größeren Kompromissen zwingt, bleibt in der Regel für die gesamte Berufsbiografie bestehen. Immer mehr wird die eigentlich gute Natur des Menschen verdrängt. Was bleibt ist das persönliche Arrangement mit dem sozial-darwinistischen Kampf ums Überleben, die wenig mit der Natur des Menschen, aber sehr viel mit der Funktion des Systems zu tun hat. Heute resümiert der Forscher, dass es das Geld ist, das tatsächlich den Charakter verdirbt. Und es sind, Dutzende seiner Studien belegen das, besonders die Angehörigen der Oberschicht, die zum Lügen und Betrügen neigen, wenn es darum geht, eine Situation zum eigenen Vorteil zu gestalten. Im Ergebnis ist die Konditionierung/Konklusion einfach: Je höher das Monatsgehalt, desto tiefer die moralischen Abgründe!

Dass die Arbeitsleistung irgendwie berechnet werden muss, ist ein Gebot unserer arbeitsteilig organisierten Produktions- und Konsumwelt. Die in einem Bereich erbrachte Leistung ist in einem Verhältnis zur Leistung anderer in einem anderen Bereich der Prozessketten zu sehen. Prinzipiell geht es darum, dass dauernd adäquat organisiert werden muss, dass wir Menschen füreinander arbeiten und Leistungen tauschen. Da dieser Tausch praktischer Weise nicht (nur) in Naturalien erfolgen kann, kommt das Geld ins Spiel.

Von seinem Wesen her ist Geld nichts anderes als das Vertrauen der Menschen in die Vergleich- und Tauschbarkeit erbrachter Leistungen. So einfach es eigentlich ist, bei Zuhilfenahme der beiden Faktoren Zeit und Arbeitsergebnis eine Leistung mit anderen Resultaten vergleichen zu können, so merkwürdig ist es dann doch, was geschieht, wenn wir Menschen das tatsächlich auch tun. Plötzlich wird Zeit unterschiedlich bewertet, je nach dem, um welchen Menschen und um welche Leistung es sich handelt. Zur Dokumentation bedienen wir uns Währungen, die nichts anderes eine bestimmte Form des eigentlichen Geldes sind, das mit dem Tausch soviel – oder so wenig – zu tun hat, wie eine Uhr mit der Zeit. Und wenn schließlich Leistungen mit Währungen vergütet werden, wird die Operation eines entzündeten Blinddarms plötzlich für wertvoller erklärt als die Reinigung einer Toilette.

Diese Differenzierung des eigentlich Gleichen, die keinem Naturgesetz folgt, sondern die, wohlgemerkt, reines Menschenwerk ist, führt zur Eigenschaft der Gier. Bald geht es nur noch darum, in möglichst wenig Zeit möglichst viel Geld zu vereinnahmen. Das Gelingen wird als Erfolg anerkannt, der den monetär Reichen adelt und über „alle anderen“ erhebt. Als der Wall-Street-Manager Ivan Boesky 1986 in einer Rede vor Absolventen der amerikanischen Haas Business School erklärte "Gier ist gut, gesund ist sie auch. Ihr könnt gierig sein und euch trotzdem wohl in eurer Haut fühlen“, veröffentlichte er das Credo einer Führungselite, die, dem Mammon huldigend, die Welt verändert, und dabei Mensch und Menschlichkeit deformiert. Das Mittel zum Zweck ist Geld, das, seinem Wesen entfremdet, in Form von Währungen ebenfalls zur Ware geworden ist.

Gelesen 6786 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 29 Juli 2015 08:24
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

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