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Mittwoch, 22 Dezember 2010 14:32

Warum komplementäre Währungen?

geschrieben von 

Jeder Mensch übt allein schon durch die Tatsache seiner Existenz immer einen Einfluss auf das Leben aller anderen Menschen aus. Dabei ist es gleichgültig, wie alt er ist, welchem Beruf er nachgeht oder welchen Grad gesellschaftlichen Ansehens er genießt. Er lebt und sein Leben ist durch alle seine Handlungen, durch seine Bedürfnisse, Gaben und Verbräuche mit dem Leben anderer Menschen verwoben.

Diese Feststellung klingt im ersten Moment etwas abgehoben, zu selbstverständlich und so weiter, aber bedenken Sie einmal, welche Chance sich von einer solchen, zugegebenermaßen simplen Erkenntnis ausgehend bietet. Auf dem Gebiet des Umweltschutzes und des nachhaltig ökologischen Verhaltens wird auf diese Erkenntnis aufbauend immer wieder zu bewusstem Verhalten aufgerufen. Das Wasser, das jemand nicht verbraucht steht der Allgemeinheit weiter zur Verfügung. Erneuerbare Energien bieten unserer Umwelt eine Chance, vorausgesetzt, sie werden auch eingesetzt, was wiederum am Umweltbewusstsein der Verbraucher hängt. Im Bereich der Verantwortung aller Menschen für die Gesundheit der Umwelt ist die Erkenntnis, das eines jeden Menschen Handeln Einfluss auf die ganze Gemeinschaft der Menschen hat absolut klar. Aber es gibt weitere, ebenso sensible Bereiche unseres Lebens, die eine ebenso große Verantwortung verdienen, wie der Schutz unserer Umwelt?

Nehmen Sie zum Beispiel den Bereich der musikalischen Erziehung der Kinder, um einen Bereich zu erwähnen, der Ihnen als Beispiel nicht gleich in den Sinn gekommen wäre. Können Sie sich vorstellen, welchen Einfluss es auf die Gemeinschaft aller Menschen hat, ob und in welcher Intensität Kinder ein Musikinstrument spielen lernen? Gibt es etwa einen direkten Zusammenhang zwischen einer angeregten und in gewisser Weise ausgebildeten Musikalität eines Menschen und ganz anderen Lebensbereichen? Es gilt inzwischen als unzweifelhaft, dass es einen solchen Zusammenhang zwischen den musikalischen Fähigkeiten und der mathematischen Begabung gibt. Wer ein Instrument spielen lernte, wer hin und wieder musiziert, kann leichter rechnen. Oder können Sie sogar unserem früheren Bundesinnenminister Otto Schily folgen, der einmal sagte, dass derjenige die innere Sicherheit gefährde, der die musikalische Erziehung der Kinder einschränkt? Otto Schily hat damit einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Musikalität und sozialen Fähigkeiten der Menschen angesprochen, also eine Aussage riskiert, über die es sich sicherlich nachzudenken lohnt.

Gleichwohl, wenn wir davon ausgehen, das alle Einflüsse, die von den verschiedenen Menschenleben ausgehen in der Gemeinschaft aller Menschen Wirkungen entfalten, ergibt sich ein Forschungsgebiet, das sicherlich äußerst interessant ist. Es ergibt sich aber auch eine Perspektive, die in der Ausübung eigener Interessen jeden Menschen intentional mit dem Leben aller Mitmenschen verbindet. Dies generiert Verantwortungsgefühl, führt aber auch zur Einsicht in meist unbedachte Sinnhaftigkeiten.

Der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte bekannte sich schon vor fast zweihundert Jahren zu dem Prinzip, dass der erste Weg zu einer gesellschaftlichen Veränderung der ist, auf dem ein einzelner Mensch sich selbst verändert. Den verschiedenen modernen Theorien von morphischen Feldern, die einen direkt wirksamen Zusammenhang des Lebens zwischen allen Wesen auf diesem Planeten beschreiben, knüpft an der gleichen Stelle an. Was der Einzelne tut, verändert immer auch zugleich alles andere mit!

Bezüglich der verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten, die uns das Leben bietet und bezogen auf all dasjenige, was wir daraus machen, sprach der Künstler Joseph Beuys von der so genannten sozialen Plastik. Er sah insofern in jedem Menschen einen Künstler, dessen künstlerisches Werk der eigene Lebenslauf mit allen seinen direkten und indirekten Verflechtungen ist. Das Leben eines jeden Menschen als Kunstwerk, das Leben aller Menschen als ein Gesamtkunstwerk, in dem die einzelnen Menschenleben zusammen klingen, wie die verschiedenen Instrumente in einem Orchester zu einer Symphonie! Die Ideen und Ideale sind im Schöpfungsprozess der sozialen Plastik ebenso das gebotene Material, wie die Stoffe und Kräfte, in denen sich unser aller Leben verkörpert. Die Bedingungen für den Zusammenklang aller einzelnen Teile und Faktoren schaffen wir Menschen ausgehend von den vorgegebenen Naturgesetzmäßigkeiten weitgehend selbst. Dies in einem ersten Schritt zu erkennen und in einem zweiten Schritt bewusst als künstlerisch-kreativen Prozess handhaben zu lernen, bedeutet sich als Mensch im auf das Zustandebringen der sozialen Plastik gerichteten Künstlertum zu begreifen. Mit diesem durch die Anthroposophie Rudolf Steiners angeregten Denk- und Handlungsansatz erweiterte Joseph Beuys den bis dahin tradierten Kunstbegriff, der sich durchaus auch auf das Geld anwenden lässt.

Geld ist das von Menschen gemachte und mit eigenen Regeln versehene Tauschmittel unserer gegenwärtigen Zeit. Vergangene Kulturen kamen noch ohne Geld aus, zukünftige werden es möglicherweise auch. Geld als gegenständliches Tauschmittel (Münzen und Scheine) tritt im begonnenen Informationszeitalter ohnehin schon immer weiter zurück. Heute sind bestimmte Datenströme zugleich Geldströme, auf die bezogen Spekulationsgeschäfte stattfinden, von denen man sich noch vor wenigen Jahren noch nichts hätte träumen lassen. Bedenken Sie, dass 92% aller Geldbewegungen allein spekulativer Natur sind, also nichts mehr mit realwirtschaftlichen Vorgängen, wie der Erzeugung und dem Handel von Waren zum Beispiel zu tun haben. Die Regeln für den Umgang mit Geld, wie sie in in früheren Zeiten entwickelt wurden, taugen nicht mehr dafür, den Umgang mit dem Geld, wie er heutzutage stattfindet, wirksam zu lenken. An der eine Seite der Geldwirklichkeit ufern die Vorgänge ins unvorstellbar Lebensfeindliche aus. Aber es gibt dennoch auch eine andere Seite.

Fraglos stellt es für die meisten Menschen gegenwärtig noch etwas nicht Machbares dar, wenn man sich daran begibt, eine eigene Währung, ein eigenes Geld zu schaffen. Aber es findet weltweit immer mehr statt. Es gibt bereits schon weit über 4.000 verschiedene, nichtstaatliche, größere und kleinere Währungen, die von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen geschaffen wurden. Vermutlich ist angesichts dieser großen Zahl die kritische Masse bereits überschritten und wir gehen einer Zukunft entgegen, in der es in vielleicht zwanzig bis dreißig Jahren ganz und gar nicht ungewöhnlich ist, sich in Währungszonen zu bewegen, die nicht mehr mit den Staatsgrenzen zusammenfallen. Die uns gewohnten, lediglich wenige hundert Jahre alten Landeswährungen werden dann ihre Monopolstellung endgültig verloren haben.

Die Menschen der nahen Zukunft könnten sich verschiedener Währungen bedienen, die jeweils verschiedenen Zwecken angepasst sind. Denkbar wäre zum Beispiel ein eigenes Geld für Gesundheitsleistungen oder eines für Lebensmittel und so weiter. Die verschiedenen Bereiche des Sozialen Organismus könnten dann ihre Einnahme- und Ausgabeprozesse, aber auch die Maßgaben der Geldverteilung in den Eigenschaften der spezifischen Währungen abbilden. Der Kreativität wären - auch bezogen auf das Geld - die Grenzen nicht mehr gesetzt, an die wir heutzutage noch glauben, weil wir es so gelernt haben und obwohl wir von immer mehr Menschen umgeben sind, die diesen frommen Glauben für ihre egoistischen Interessen missbrauchen. Warum gestalten wir nicht mit allem Engagement die Wirtschaft, die uns ja tagtäglich intensiv betrifft, indem wir unser eigenes Geld schaffen und in den Umlauf bringen? Die soziale Plastik würde dadurch bereichert, unser Künstlertum, zu dem wir als Menschen prinzipiell berufen sind, könnte sich in den letzten großen Tabubereich hinein entfalten.

 

Demokratisierung des Geldes und bewusster Konsum

Es gibt tatsächlich viele Möglichkeiten, über den Zustand unserer Gesellschaft aktiv mit zu entscheiden, von denen die Wahl der Volksvertretung nur eine ist. Eine weitere, sehr sinnvolle, weil direkt wirksame ist der bewusste Konsum. In der jüngsten Vergangenheit ist nicht nur die Stiftung Warentest meinungsbildend wirksam, sondern auch NGOs wie attac, die die Aufmerksamkeit der Verbraucher auf die Bedingungen von Rohstofferzeugung und Produktion lenken. Hersteller und Händler von Waren sind zunehmend gut beraten, wenn sie sich nicht nur um die gesunden, stofflichen Bestandteile der von ihnen angebotenen Waren kümmern. Die so genannte „soziale Bilanz“ ist bezüglich einer Kaufentscheidung für die Verbraucher mehr und mehr ebenso entscheidend, wie die Ökobilanz. Und das ist auch gut so.

Produktinformationen sind heutzutage via Internet einfach, schnell und sehr weitgehend verfügbar. In unserer vernetzten Welt ist es nicht mehr so leicht, wie noch vor Jahren, den Herstellungsweg einer Ware oder die Wirkung einer Unternehmensentscheidung zu verschleiern. Es ist nicht mehr gleichgültig, ob die Herstellung eines T-Shirts zu gerechter Entlohnung erfolgte oder ob in einem Fast Food Restaurant die Schaffung von Betriebsräten unterbunden werden. Solche Tatsachen verbreiten sich schnell und können zunehmend die Umsätze der Firmen und den Wert ihrer Handelsmarken gefährden. Beispiele dafür gibt es bereits einige.

Erkennbar wird in alle dem, das wir Verbraucher mit unserem Geld ein ganzes Stück weit darüber abstimmen können, wie die Arbeits- und Wirtschaftswelt beschaffen ist. Nichts ist für ein Unternehmen so sensibel, wie die Gunst der Kunden. Für nichts wird von den Unternehmen so viel eingesetzt, wie dafür, dass Verbraucher auf das eigene Angebot positiv reagieren. Kein Rabatt kann ersetzen, was an Vertrauen der Kundschaft möglicherweise durch einen unachtsam begangenen Fehler verloren wurde. Ein Manager eines Weltkonzerns bekannte einmal unverhohlen, dass man zwar jede Regierung der Welt manipulieren könne, nicht aber die Ausbreitung freier Meinungen über die internetbasierten Sozialen Netzwerke. Werden wir uns dieser Macht doch bewusst und beginnen wir davon ausgehend damit, die Welt, wie wir sie wollen von unten nach oben zu gestalten!

Der Staat gewährt uns unter den von ihm geschaffenen Bedingungen die Nutzung seiner Währung, aber er kann unser Ausgabeverhalten nicht regeln und das eröffnet einen Zugang zu einer Möglichkeit einer außerordentlich wirksamen Form der Gestaltung unserer Welt. Wir sind nicht darauf angewiesen, bei einem Discounter einzukaufen, der seine Angestellten zu Bedingungen arbeiten lässt, die wir für uns selbst auf keinen Fall akzeptieren würden. Wir müssen nicht Fleisch kaufen, dass nur deswegen so preiswert angeboten werden kann, weil Tiere gequält wurden. Auf noch so gewaltige Medienkampagnen müssen wir nicht eingehen, weil wir durchschauen, dass das Schüren von Krankheitsängsten zuletzt nur einem bestimmten Pharmakonzern Geld in die Kassen spült.

Geld regiert die Welt!“, ist das bekannte, geflügelte Wort, dem die Frage folgt: „Und wer regiert das Geld?“ Ich füge gern an dieser Stelle hinzu: Das Geld regieren von „unten her“ all diejenigen, die sich dazu entschließen. In keinem Bereich des Lebens ist der Tabubruch so naheliegend, wie wenn etwa eine Gruppe von Menschen eine eigene Währung ins Leben ruft. Aber es gibt auch keinen Bereich des Lebens, von dem ausgehend eine politische Kraftentfaltung und gesellschaftliche Veränderung so wirksam eingeleitet werden kann. Wenn Sie sich fragen, wer denn das Geld regiert und das mit dem Gefühl von Unzufriedenheit oder gar Verbitterung begleiten, dann möchte ich Sie ermutigen, auszuscheren und ganz aktiv ein eigenes Geld zu schaffen oder aber ein bereits bestehendes nichtstaatliches Währungssystem zu unterstützen, dass Ihren Intentionen am nächsten kommt. So findet die grundsätzlich mögliche Demokratisierung des Geldes wirklich statt und Sie selbst können dazu einen wichtigen, wirksamen persönlichen Beitrag leisten!

 

 

Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Komplementärwährungen“

ISBN 978-3-86931-836-3

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Gelesen 34784 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2015 22:36
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

Weiterlesen: fairventure.de/lexikon/item/14-peter-krause

Webseite: www.aktiv-zukunft-leben.de

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