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Sonntag, 02 Januar 2011 09:22

Phillip W. Heist: Das Dorf in der Stadt

geschrieben von 

Das Dorf in der Stadt ist eine realisierbare Version und ein Beitrag für die zukunftsfähige Organisation des Sozilaen im lokalen Umfeld.

Das System wird im Sinne einer Ergänzung und Vervollständigung des bestehenden Gesellschaftssystems vorgeschlagen. Mit ihm werden

 

  1. Gemeinschaftlichkeit und Integration,

  2. soziale Selbstversorgung,

  3. neue Arbeit,

  4. eine Stärkung der Regionalwirtschaft

 

erschlossen, verbessert bzw. bewirkt. Das basiert unter anderem auf der Nutzung einer bürgerschaftlichen Zweitwährung und einem lokal vernetzenden Informations-Austauschsystem.

Das Modell setzt auf Nachbarschafts-, Quartiers- und Stadtteilebene an. Im Kern werden die beiden sozialen Grundelemente "Dorf" und "Geld" in einer neuen Weise miteinander verbunden und aktiviert. Dafür stellen die modernen Informationstechnologien und ihre allgemeine Verfügbarkeit eine wesentliche, organisatorische Basis dar. Der Ansatz kann aus kleinen, vergleichsweise einfachen und motivierenden Initiativ-Ansätzen heraus eingeführt werden und hat ggf. das Potential, sich bei Erfolg selbstverstärkend, d.h. in einer ersten Phase exponentiell beschleunigend auszubreiten. Damit beinhaltet dieses Modell die Chance einer schnellen Realisierung bei gleichzeitig geringem Risiko.

Aus einer Vielzahl solcher Projekte können sich neue, gesellschaftliche Strukturen ableiten, die bürgerschaftliche Zweitwährung, ein zusätzlicher Arbeitsmarkt, Organisationsplattformen für Selbstversorgung und weitere soziokulturelle Innovationen. Auch eine qualifiziertere, politische Meinungsbildung und Partizipation der Bürger wird auf diesen Grundlagen möglich. Über die Inhalte und Betrachtungen hinaus liefert das System auch die entsprechenden Methoden für den Start und die Organisation entsprechender Projekte aus bürgerschaftlichen Gruppen oder auf kommunaler Ebene.

Die neue Gemeinschaftlichkeit wird so organisiert, dass sie mit den individualistischen Werten vereinbar ist. Die Integration dieser beiden Pole ist deshalb eine bedeutsame Aufgabenstellungen, weil in ihrer bisher angenommenen Unvereinbarkeit einer der tiefen Gründe für soziale Fragmentierung, Trennung und Vereinsamung liegt. Das "Sowohl-gemeinschaftlich-als-auch-individualistisch" entspricht einem Ansatz der Komplementarität, mit dem das bisherige, polare "Entweder-oder", das ich für eine der Sackgassen unserer Kultur halte, überwunden werden kann.

Es gibt große Arbeits- und Austauschfelder, die unerfüllt brach liegen, gleichzeitig ein Heer von arbeitslosen und engagementbereiten Menschen. Diese können ihre Arbeit, Leistungen und Dinge in einem additiven Wirtschaftskreislauf austauschen womit eine zusätzliche, bürgerschaftliche Selbstversorgung und weitere Wirkungsfelder der Wirtschaft angekurbelt werden.

Doch wird sich das nur unter Einbeziehung einer bürgerschaftlich-kooperativen Zweitwährung realisieren lassen, die im Dorf-in-der-Stadt daher von besonderer Bedeutung ist. Das hier verwendete System läuft unter der Bezeichnung "Minizeit-Tauschring" bzw. „-Zweitwährung“.

Der motivationstheoretische Ansatz, auf dem das Modell basiert, ist die "Undina-Methode" (siehe den folgenden Beitrag). Nach ihr können zukunftskreative Initiativen aus kleinen Projektansätzen heraus angestoßen werden, sich im Erfolgsfall selbstverstärkend bzw. selbstbeschleunigend ausbreiten und so verhältnismäßig schnell neue Handlungs- und Kooperationsformen einführen.

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Gesamtlage stellt dieses Modell meiner Auffassung nach einen relevanten Zukunftsbeitrag dar mit umfassenden Problemlösungsmöglichkeiten und nachhaltigen Perspektiven.

 

Das Dorf in der Stadt

Im „Dorf-in-der-Stadt“ können sich die Menschen wieder mehr auf ihre Nachbarschaftsumgebungen beziehen und hier in vielfältigen Formen ein aktives Mit- und Füreinander mit neuen, lokalen Wirtschafts- und Arbeitskreisläufen organisieren. Die natürliche Bereitschaft für Nachbarschaftshilfe, Mitverantwortung, Engagement für das Gemeinwesen und weitere soziale Verhaltensweisen werden angesprochen, aktiviert und nachhaltig integriert. Die Gemeinschaftlichkeit wird wieder aufgewertet, ohne die individuellen Werte einzuschränken.

Mit neuen, selbsttragenden Organisationsformen wird eine Verlagerung mancher sozialstaatlicher Aufgabe hin zur Basis der Gesellschaft ermöglicht.

Die Ausdehnung eines Dorfes-in-der-Stadt ist nach diesem Modell zunächst auf einen Kreis von ca. zehn Minuten zu Fuß begrenzt. Eine Stadt kann viele solcher "Dörfer" beherbergen, wobei Benachbarungen und Überlagerungen möglich und sinnvoll sind.

 

Die Module des Dorf-in-der-Stadt-Modells sind die folgenden:

 

  • Kontaktmöglichkeiten: Redaktionsadresse, Büro, Infostand und weitere Treffpunkte, auch im Internet

  • Organisationen und Unterstützung von Interessen- und Austauschgemeinschaften
    sowie von Nachbarschafts- und Selbsthilfegruppen verschiedenster Art

  • Medien: Nachbarschaftszeitung, stadtweite, monatliche Netzwerkzeitung, Nachbarschafts-Portal im Internet, Austausch-Börse virtuell und gedruckt

  • Tauschring als Zweitwährung

  • Werbeplattformen für die lokale Wirtschaft

  • Öffentlichkeitsarbeit, PR, Medienberichte

 

Etliche dieser Komponenten wurden vom Hallo-Leute-Netzwerk e.V. bereits über längere Passagen erprobt und können entsprechenden Projekten als Modell und Methode zur Verfügung gestellt werden. Das Gesamtsystem ermöglicht auch neue Erwerbs- bzw. Geschäftskomponenten, mit denen es weitgehend oder ganz selbsttragend werden kann.


Der Aufbau von einem Dorf in der Stadt

Der Einstieg ist aus einem kleinen, verständlichen Ansatz heraus möglich, und es liegen Motivation und Engagementbereitschaft vor. Daher ist der Start einer Dorf-in-der-Stadt-Initiative in Kombination mit einer Zweitwährung auf Tauschringbasis unschwer umzusetzen. Es empfiehlt sich die Kooperation mit der Stadtverwaltung, einem bürgerschaftlichen Verein (z.B. Tauschring), einem karitativen Verband, der Kirchengemeinde oder anderen geeigneten Institutionen, wobei aber eine weitgehende Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Projektes angestrebt werden sollte.

Die Initiative kann von einer Person oder einem engagierten, kleinen Team ausgehen, indem nach einer ersten Zusammenkunft eine Serie von Treffen organisiert wird. Dafür hat sich eine Betonung des Freizeit- und Interessenaustauschs gut bewährt. Doch auch andere Ansätze sind als Ausgangsposition möglich, z.B. "Selbsthilfegruppe Arbeit" oder "Seniorentauschring". Die Komponente der Geselligkeit sollte dennoch als einer der bewährten und nachhaltig tragfähigen Grundpfeiler einbezogen und gepflegt werden. Im Gefilde der notwendigen Problemlösungen ist das deshalb sinnvoll, weil damit das Modell immer auch durch das Flair von Freudigkeit und positiver Orientierung bestimmt bleibt.

Ein Nachbarschaftsblatt mit Informationen und Anzeigen füllt vermutlich schon bald nach dem Beginn der Arbeit an der Initiative ein hinreichendes Volumen und kann selbsttragend mit Werbung der örtlichen Geschäfte, Firmen und Institutionen finanziert werden. Das gleiche gilt für den Internetauftritt. Das sind zwei der wirtschaftlichen Grundlagen der Medienkonzeption. Darüber hinaus können noch weitere Einnahmequellen erschlossen werden. Für die Anfangsphase ist eine Startfinanzierung notwendig und muss mitbedacht und -organisiert werden. Sie kann in Form von Beiträgen der Teilnehmer realisiert werden. Es empfiehlt sich die Organisation als eingetragener Verein.

Die Einbeziehung einer Zweitwährung ist eine wesentliche Komponente des Systems. Wenn vor Ort bereits ein Tauschring existiert und bewährt läuft, sollte überprüft werden, ob er geeignete Eigenschaften aufweist und an einer Kooperation interessiert ist. Ansonsten kann das Hiergeld-Modell verwendet werden. Das Tauschverzeichnis bzw. die Anzeige-Medien sollen allen Austausch-Interessierten im Einzugsgebiet unabhängig von einer eventuellen Mitgliedschaft und egal von welchem Tauschring für Angebote, Gesuche, Vorschläge usw. zur Verfügung stehen.

Die erste aktive Gruppe trägt den Start erfahrungsgemäß weit voran und ein Kernteam bildet sich bald heraus. Soziale Selbstversorgung, Nachbarschaftshilfe, Selbsthilfe und vielerlei Formen von Austausch in gegenseitiger Bezahlung mit Tauschringwährung sind die anfänglichen neuen "Arbeiten". Wenn die Kommune oder eine andere, geeignete Institution das Projekt unterstützen und selbst nutzen, sind damit noch weitere Arbeitsfelder kultivierbar. Auch für die lokale Wirtschaft können Arbeiten erschlossen werden, die in der ersten Währung nicht mehr finanzierbar sind.

Das Dorf-in-der-Stadt setzt eine neue, bürgerschaftliche Engagementbereitschaft frei, die in dem System neben bezahltem Austausch eine der großen Energiequellen bedeutet. Mancher Austausch, der bisher auf ehrenamtlicher Basis nur spärlich erfolgte, kann nun teilweise mit der Zweitwährung entlohnt werden. Das kann eine beträchtliche Aktivierung mit sich bringen. Die OrganisatorInnen des Nachbarschafts-Netzwerkes und des Tauschringes sollten für ihre Arbeit auf jeden Fall einen regelmäßig bezahlten Ausgleich erhalten, damit diese wichtigen Basisarbeiten nicht für die im Ehrenamt so bekannten Ermüdungserscheinungen und Stagnationen anfällig werden.

Die Entlohnung kann in Normalgeld oder in der Zweitwährung erfolgen oder in einer Kombination von beidem, z.B. halb und halb. Die Zweitwährung wird vermutlich, wenn sie erst einmal eingeführt ist, von den Teilnehmern mit größter Selbstverständlichkeit genutzt werden. Darüber hinaus ist die Verzahnung mit der Normalgeld-Wirtschaft über mehrere Brücken möglich. So entsteht die duale Wirtschaftsform, die beide Austauschebenen, die wettbewerbswirtschaftliche und – hinzukommend - die kooperationswirtschaftliche gleichfalls einbezieht.

Das gedruckte Nachbarschaftsblatt (Nachbarschaftszeitung) kann Angebote, Gesuche, Tauschmöglichkeiten, Interessen-, Aktivitäten- und Hobbyvorschläge enthalten. Es berichtet über Aktualitäten aus dem Quartier und Wissenswertes über die Initiative und ihr Umfeld. Parallel dazu können diese Informationen auch in der Internetseite angeboten werden, die noch weitere Austausch- und Kontaktmöglichkeiten bietet. Das Nachbarschaftsblatt wie auch der Internetauftritt sind ohne weiteres von Amateurredaktionen zu realisieren.

Mit den Mitteln der Treffen, des Nachbarschaftsblattes, dem Tauschverzeichnis und den Internet-Werkzeugen entsteht ein virtueller "Dorfmarkt", der sich auch konkret, z.B. an einem Infostand oder in Läden, Gaststätten und dem Redaktionsbüro etabliert. Ein solches Dorf-in-der-Stadt strahlt nach innen und außen eine neue, heimatliche Qualität aus. Zugehörigkeits-, Verbundenheit-, und Identitätsempfindungen sowie Integration werden wieder erschlossen. Das sind Qualitäten, die sich in der heutigen Gesellschaft und besonders in den Städten weit zurückgebildet haben.

Synergetische Effekte verstärken die Zunahme von Motivation und Schwung, eine zügiges Anwachsen der Teilnehmerzahl ist zu erwarten. Als erstrebenswerte Größe werden einige hundert aktive "Dorfleute" vorgeschlagen. Wenn das Dorf weiter wächst oder sich von Anfang an auf eher zu großem Areal gebildet hat, kann je nach örtlichen Gegebenheiten eine Unterteilung sinnvoll werden.

Für die Gewinnung von Bekanntheit, zügiger Ausbreitung und der Erschließung weiterer Finanzierungsmöglichkeiten ist Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Diese ist wiederum machbar, da die Medien (Zeitungen, Funk, Fernsehen) immer an solchen Projekten interessiert sind, besonders wenn sie Auswege aus den aktuellen, bedrohlichen Problemen aufzeigen. Auch über die Internetseite können effektiv Informationen und andere Aktualitäten veröffentlicht werden.

 

Möglichkeiten für neue nachbarschaftliche Kooperation und neue Arbeit

Durch die informellen Möglichkeiten entstehen Transparenz und Überschaubarkeit der Bedürfnisse: Gesuche und Wünsche, Hilfe- und Arbeitspotenziale, Kompetenzen und Gemeinsamkeiten in Interessen und Neigungen. Die lokalen Informationsplattformen sind

eine der wesentlichen Grundlagen, auf deren Basis die nachbarschaftliche Austauschkultur schnell anlaufen kann und sich selbstverstärkend entwickelt, bis sie sich auf dem dauerhaft möglichen Niveau einpendeln wird. Mit diesem Austausch wird viel soziale Arbeit im Rahmen der bürgerschaftlichen Selbstversorgung erschlossen, die bisher brach liegt. Eine neue Qualität des Umgangs miteinander wird eingeübt, neues Denken und Handeln werden möglich. Zukunftsbewusste Einstellungen, sozialere Spielregeln, ökologische Einsichten und andere Qualitäten können Geltung gewinnen. Die "Dorfstimmung" ist von einer Haltung der gegenseitigen Anerkennung in einer vereinbarten Toleranzqualität - "Toleranz gegenüber Toleranten" - geprägt, was möglichst alle Unterschiede umfassen soll, die unter Menschen sicht- und erlebbar sind (Religion, Kultur, Weltanschauung, Hautfarbe, Sozialstatus usw.).

Auf dieser Grundlage wird es ermöglicht, dass sich die Bürger selbst auf neue Art in arbeitsteiligen Strukturen organisieren, z.B. bei der Begleitung und Versorgung der Senioren oder bei der Kinder- und Jugendbetreuung. Alleinerziehende Eltern erfahren Stützung, Eltern und Paare bleiben über die unvermeidlichen Fluktuationen hinaus besser in Verbindung, was wiederum für die Kinder wichtig ist. In Ergänzung zu den traditionellen Familienformen können sich erweiterte Lebensformen (Patchworkfamilien und andere) entfalten. Singles finden untereinander und mit anderen mehr Kontakte und Verbundenheiten. Neue Wohnformen, wie etwa Haus-Wohngruppen etc. können erprobt und aufgebaut werden. Kooperationen werden ermöglicht: Selbstversorgungs-Organisationen, vielfältige Nachbarschaftshilfen, Einkaufs- und Bevorratungsorganisationen, Gemeinschaftsräume, Werkstätten, Gartenbau, eventuell Landwirtschaft, Carsharing, u.v.m.

Einige der wesentlichen Grundlagen für all diese Austausch- und Organisationsformen sind also: die Begrenzung auf räumliche Nähe, informelle Vernetzung und Transparenz, neue Bezahlbarkeit mit einem „Komplementären Bürgergeld“. Daraus kann sich eine Vielzahl von Ansätzen für selbständige Existenzen und neue gewerbliche Kleinbetriebe ableiten. So werden, den Staat und die bestehende Wirtschaftsform mittragend, sowohl ein zusätzlicher Arbeitsmarkt als auch eine neue Art von Konjunktur erschlossen.

 

Motivation, Ausgangssituation

Das Dorf-in-der-Stadt vernetzt neue Interessengemeinschaften und Freundeskreise, vermittelt Bekanntschaften, Beziehungen, Partnerschaften, löst Vereinzelung und Vereinsamung auf. Ein Nachbarschaftsmarkt entsteht mit vielfältigem Austausch in Interessen, Sachen, Hilfen, Leistungen usw. Das trägt zur Anhebung des sozialen sowie auch des materiellen Wohlstandes und zur Aufrechterhaltung der Nachbarschafts-Vernetzung bei.

Die zusätzlichen Möglichkeiten des Bezahlens mit einer sozialen Zweitwährung eröffnen für das ehrenamtliche, freiwillige bzw. bürgerschaftliche Engagement neue Möglichkeit der geldlichen Anerkennung. Mehr Engagement wird dringend eingefordert, aber es hat in mangelnder Wertschätzung bei gleichzeitiger, geldlicher „Umsonstigkeit“ sein größtes Hindernis. Obwohl es oft hohen Zeiteinsatz verlangt, wird es von der Öffentlichkeit nicht adäquat wahrgenommen und zu gering gewürdigt. Die Tauschringe bzw. Zweitwährungen können hier eine Aktivierung und Steigerung bewirken.

Darüber hinaus vermitteln die neuen Möglichkeiten für Austausch und Arbeit Hoffnung auf eine zukunftsfähige Organisation des Sozialen. Mit der Bündelung all dieser Motivationsspuren sind gute Resonanz und Teilnahme an dem Zukunftsprojekt aktivierbar. Das Dorf-in-der-Stadt-Modell kann neuen Optimismus freisetzen und eine Aufbruchstimmung bewirken.

Gesamtgesellschaftliche Bedeutung

Das System trägt zur Stabilisierung der Gesellschaft, zur Erweiterung der Wirtschaft, zur Integration der gesellschaftlichen Gruppen und zur Vorbereitung auf absehbare, weitere Veränderungen bei. Stichwortartig seien die gesellschaftlichen Bereiche aufgeführt, in denen positive Auswirkungen des Projektes zu erwarten sind:

 

  • für Familien werden neue, flexiblere Organisationsformen ermöglicht;

  • selbsttragende, nachbarschaftliche sowie auch die verwandtschaftliche Pflege, Kranken- und Seniorenhilfen werden durch Befähigung zu Eigenorganisationen erleichtert;

  • Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement, Mitverantwortung und Partizipation entstehen bzw. werden gefördert;

  • der Tauschring für Nachbarschaftshilfe führt neben dem sich für viele Menschen verknappenden Geld eine Komplementärwährung ein. Deren Umsätze sind zwar im Vergleich zur Globalwirtschaft klein. Aber im Hinblick auf die Aktivierung der sozialen Selbst-Tragekräfte ist ihre Bedeutung groß. Das Vorhandensein einer potentiellen Redundanzwährung übt darüber hinaus einen beruhigenden und stabilisierenden Einfluss aus.

  • Arbeit: brachliegende Beschäftigungs- und Arbeitspotentiale werden freigesetzt. Das Mitwirken darin gewinnt im Sinne von "richtiger Arbeit" neues Ansehen. Zusätzlich zu den bisherigen Formen der Erwerbsarbeit entsteht eine neue Arbeitssphäre in bürgerschaftlicher sozialer Kooperation und sozialer Selbstversorgung.

 

Neue Arbeit durch soziale Selbstversorgung mit einer bürgerschaftlichen Zweitwährung

An dem neuen Austausch- und Arbeitsmarkt können sich die Menschen nicht nur aus den Gründen des „Lohn-und-Brot-Erwerbs“ beteiligen, sondern hier auch - besser als in vielen Erwerbsjobs und Berufen - ihre Engagementbereitschaft für Gemeinschaft, Gemeinwesen und für ein tragfähiges Bürgerschafts-Netzwerk einbringen.

Warum gibt es die „strukturelle Massenarbeitslosigkeit“ in der heutigen Form überhaupt, wo doch offensichtlich viel notwendige Arbeit unerledigt bleibt und Geld in großer Menge vorhanden ist? Der Wegfall von Arbeitsplätzen durch Automatisierung liefert dafür keine nachvollziehbare Begründung, im Gegenteil könnten die in ihrer früheren Arbeit nicht mehr zu beschäftigenden Menschen nun doch in den offenen Aufgaben neue Arbeit finden.

Der Grund besteht darin, dass jegliche Arbeit, deren Resultat nicht mit Gewinn verkauft werden kann, auch nicht dauerhaft bezahlbar ist mit einem Geld, das nur ingeldvermehrende Richtung strebt bzw. fließt. Deshalb sind die staatlichen Ausgaben, z.B. Arbeitslosenunterstützung, nur in Mischkalkulationen „querfinanzierbar“. Doch wenn das Unternehmen „Staat“ (u.a. aus Gründen des Standortwettbewerbs) nicht mehr genug Steuereinnahmen hat, es also nicht genug Gewinn macht, muss gespart werden. Hier wird die grundlegende Fehlkonstruktion, in diesem Fall eine wirklich fehlende Konstruktion im Finanzsystem erkennbar. Es ist bisher nur einseitig angelegt und besteht aus nur der einen von zwei notwendigen Hälften. Die zweite Seite gibt es noch nicht, sie ist nicht aktiviert. (Nach B. Lietaer könnte man die vorhandene Hälfte als die „männlich-konkurrenzbetonte“ und die fehlende als die „weiblich-kooperationsbetonte“ Komponente des Geldes charakterisieren.)

Die Erweiterung des Finanzsystems um diese fehlende Hälfte in Form einer entsprechend konzipierten Sozialwährung ist möglich. Diese zusätzliche Liquidität kann auf eine neue Weise Arbeit nachhaltig bezahlbar machen. Einige der möglichen Arbeitsfelder wurden im vorigen Unterkapitel schon angedeutet. Darüber hinaus sind in kommunaler Arbeit, bürgerschaftlichem Engagement, zukunftsorientierten und problemlösenden Projekten, Bildung, Erziehung, Kunst, Kultur und weiteren noch beliebig große Betätigungsfelder zu bewirtschaften. Hier steht eine ungenutzte Dimension der Arbeit zur Verfügung, mit der eine sinnvolle und notwendige Erweiterung des Wirtschaftsraums möglich ist.

Diese Ergänzung kann von unten auf der Basis von bürgerschaftlichen Tauschringen bzw. Komplementärwährungen eingeführt werden. In ihnen können, zu einem begrenzten Teil sogar steuerfrei, nachbarschaftliche Hilfen, Leistungen und Sachen ausgetauscht und bezahlt werden. Erwerbsarbeit ist aber auch hier steuerpflichtig. Dafür gibt es bereits entsprechende Bestimmungen, die zu beachtet werden müssen.

In diesem Aspekt bietet eine lokale Zweitwährung eine finanzpolitisch interessante Möglichkeit: Auf kommunaler Ebene wäre mit ihr in einfacher und effizienter Weise eine Besteuerung vorstellbar, indem für alle Umsätze oder Konten eine pauschale Gebühr (Steuer) an die Kommune entrichtet wird. Das wäre natürlich dann besonders sinnvoll, wenn die Kommune selbst die Trägerschaft der Zweitwährung übernimmt oder sich an der entsprechenden Gesellschaft beteiligt, etwa im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft. So schafft die Kommune neue Arbeit, erhält mehr Mitarbeit, entschärft das politische Klima, entlastet den Sozialhaushalt und gewinnt eine neue Steuerquelle.

Zunächst jedoch gibt es hier noch gesetzlich unerschlossene Bereiche und Neuland. Dafür erfolgt in den nächsten Jahren wohl eine genauere, gesetzgeberische Klärung. Doch stellt die teilweise noch unübersichtliche Rechtssphäre möglicherweise eine Chance dar, indem in diesen Freiräumen solche zukunftskreativen Ansätze und Alternativen erprobt, ihr Wert sichtbar gemacht und unter Beweis gestellt werden können, möglicherweise mit staatlicher oder europäischer Unterstützung.

Die Übereinstimmung der kulturell-ethischen Werte mit dem wirtschaftlichen Geschehen hat sich deutlich verschlechtert. Unter den gegebenen Umständen und Perspektiven erscheinen die alten Werte den Menschen als zunehmend irrelevant. Mit einem dualen Wirtschaftssystem, in dem die soziale Komponente nicht mehr von nachrangiger Bedeutung ist, würde diese Integrität wieder verbessert werden. Darin sehe ich wiederum einen bedeutsamen Aspekt, weil gerade der breite Wertverlust und die damit einhergehende Entwurzelung ein ernster Grund zu unguten Zukunftsprognosen sind.

Problemlösungen und Zukunftspotentiale auf einen Blick:

  • die Arbeitslosigkeit wird beendet oder zumindest erheblich verringert;

  • ein „neuer sozialwirtschaftlicher Konjunkturraum“ wird eröffnet;

  • gesunde Nachbarschaften als Arbeitssphäre wirken in hohem Maße integrierend;

  • statt Sozialabbau und Verarmung werden Wege zu neuem, sozialem Wohlstand erschlossen;

  • die lokale Wirtschaft erhält wieder die ihr zustehende Funktion, und die Lokalisierung erhält wieder die unverzichtbare Gleichgewichtung;

  • die soziale Komplementärwirtschaft erschließt Wege zur Nachhaltigkeit;

  • die Kluft zwischen Wirtschaft und ethischen Werten wird abgebaut.

 

Fazit: Arbeit gibt es genug! Was fehlt, ist die dafür geeignete Geldform.

 

Konzeption für eine Zweitwährung auf der Basis das Hier-Geld-Modells

Die Entwicklung des Hier-Geld-Zweitwährungsmodells läuft seit 1995. Die Systemelemente wurden seitdem in diversen theoretischen und empirischen Phasen entwickelt, einige davon auf Tauschringbasis über mehrere Jahre erprobt. Im Rahmen dieser Kurzbeschreibung kann die Konzeption nur skizzenhaft umrissen werden. Am Ende dieser Darstellung sind Bildbeispiele von Geldscheinen und Verrechnungskarte eingefügt.

Die Geldeinheit der Hier-Zweitwährung heißt „Moment“. Ihre Wertdefinition ist eigenständig und in keiner Weise von einer anderen Währung abhängig. Die Herausgeber des Geldes sind die Bürger im Hier-Ring bzw. Dorf-in-der-Stadt sowie die Geschäfte, Betriebe, Firmen, Institutionen und ggf. die Kommune im Rahmen einer „wechselseitigen Kreditwährung“. Wegen dieser konkreten und lokal orientierten Geld-Herausgeberschaft habe ich den Begriff „Hier-Geld“ gewählt.

Bei der Geldmenge der Zweitwährung wird immer eine festgelegte Relation zur Menge der zusätzlich aktivierten Arbeit bzw. zum bezahlten Austauschs eingehalten, genauer: nicht überschritten. Diese einfache Regel stellt bereits eine solide Basis für eine angemessene Geldmengendimensionierung dar. Bei einer Einzelperson könnten 1.000 Moment, das ist der Gegenwert von 100 Basis-Arbeitsstunden, die geeignete Größenordnung sein. Bei Betrieben kann für die Festlegung einer entsprechenden Maßzahl die Anzahl der beschäftigten Mitarbeiter zugrunde gelegt werden, bei der Kommune ggf. die Höhe der Sozialhilfe oder der Arbeitslosenfinanzierung.

Die Organisation eines Hier-Ringes und die technische Durchführung der Wertschein-Ausgabe erfordern eine Verwaltungsgruppe und ein Büro. Das kann ein Tauschring-Verein leisten, aber auch schon bestehende Institutionen, z.B. die Wohlfahrtsverbände, die Kommune, ggf. auch eine Bank könnten diese Aufgabe übernehmen.

Mit ihrer neuen Austauschaktivität hat es die lokale Bürgerschaft selbst in der Hand, wie viel von dem neuen, sozialen Umlaufgeld hier am Ort zur Verfügung steht und wie viel neue Bürgerwirtschaft und Arbeit frei gesetzt werden. Insgesamt gesehen reguliert sich die Geldmenge nach allen Richtungen entsprechend dem Wirtschaftsvolumen selbsttätig, steigend, gleichbleibend oder fallend, und zwar sowohl im Hinblick auf den einzelnen Herausgeber wie auch in Bezug auf die Tauschringumgebung (Nachbarschaft, Quartier, Stadtteil). Darin besteht ein bedeutsamer Unterschied zur Hauptwährung, deren Menge eigentlich nur zunehmen kann.

Der „MOMENT“, die Währungseinheit beim Hier-Geld-Modell, ist als der Wert einer Zehntelstunde bzw. 6 Minuten Basisarbeit oder Nachbarschaftshilfe definiert. Dieses ist eine überall auf der Welt eindeutige und verständliche Definition für eine Geldeinheit. Sie funktioniert auch in Währungsgrenzgebieten und anderen Mehrwährungsumgebungen. (Aktualisiert Ende 2010 entspricht in Freiburg 1 Moment dem Eurowert von 0,78 €, wenn der Basislohn von 7,80 € zugrunde gelegt wird).

Die tauschenden, dienstleistenden und Handel betreibenden Bürger sind aber nicht dazu verpflichtet, eine Stunde Arbeit grundsätzlich immer mit 10 Moment zu bewerten, wie es sich etliche Zeitbanken und Tauschringe zur Regel machen. Statt dessen sollen die Teilnehmer ihre Stundensätze, Preise bzw. Pauschalpreise gemäß den Grundlagen der Marktwirtschaft frei vereinbaren. Erfahrungsgemäß werden Abweichungen von der „10-Moment-je-Stunde-Basis“ in begründeten Fällen auch stets unter in angemessener Berücksichtigung der Bedingungen gewählt.

Die Zweitwährung nach der Hiergeld-Konzeption hat einen lokal bzw. regional begrenzten Gültigkeitsbereich, nämlich im herausgebenden Hier-Ring und in benachbarten Ringen oder „Dörfern“. Möglicherweise könnten diese sich auch zu größeren, regionalen Verbänden zusammenschließen, die das Hier-Geld für die Hier-Ringe einer ganzen Region organisieren. Auf jeden Fall hat die Zweitwährung ihre volle Gültigkeit nur in ihrer Region, und mit größerer Entfernung vom Entstehungsort nimmt ihr Wert ab. Das ergibt sich einerseits durch die Unbekanntheit der fremden Währung von selbst, aber andererseits kann es durch eine Gebührenordnung unterstrichen werden, die deutlich erhöhte Gebühren bei Fern-Rücktausch vorsieht.

Das Hier-Geld entsteht ausdrücklich nicht als Zinskredit-Währung, sondern es ist eine solide gedeckte Garantiewährung der Bürgerschaft. Das Geld steht nicht unter einem systeminhärentem Geldvermehrungszwang, so dass sich daraus auch kein Wachstumszwang für diese zweite Wirtschaftsdimension ableitet. Ebenso wenig hat die Zweitwährung eine prinzipielle Inflationstendenz. Eher wirken sich die Kosten der Gelderzeugung in Verbindung mit der begrenzten Gültigkeit des Bargeldes als Negativzins aus, der den Umlauf des Geldes beschleunigt. Mit der Gesamtheit dieser Gegebenheiten kann als sicher angenommen werden, dass man die Kaufkraft dieser Zweitwährungseinheit nachhaltig immer auf den Wert fixieren kann, den sie darstellt, nämlich den Tauschwert für eine Zehntelstunde Basisarbeit vor Ort für einen „Moment“.

Durch die Parzellenstruktur der Hier-Ringe oder „Dörfer-in-der-Stadt“ kombiniert mit der weitgehend selbstverantwortlichen, lokalen Organisationsform wird maximale Subsidiarität realisiert. Der überwiegende Teil aller Organisations- und Verwaltungsarbeit wird von den Ortsgruppen selbst geleistet. Dadurch wird die Solidität des ohnehin robusten Systems noch erhöht. Wenn in einem Hier-Ring Probleme auftauchen, bleiben diese auf ihn, also auf ein begrenztes, lokales Umfeld beschränkt. Selbst wenn es bei einem Tauschring zu Passivitätsphasen oder Unterbrechungen käme, kann die Zweitwährung zu einem späteren Zeitpunkt auf der gleichen Grundlage neu aktiviert werden.

Für jedes Mitglied wird ein Basiskonto mit einem Verfügungsrahmen angelegt, (bei Einzelpersonen z.B. 1.000 Moment). Davon kann für jeden Nutzer ein Verrechnungskonto abgeleitet werden. Dieses funktioniert mit einer Verrechnungskarte, die es den Nutzern, jederzeit und überall ermöglicht, unbare Zahlungen durchzuführen. Dabei leisten sie selbst die Arbeit der Kontoverwaltung. Diese Konzeption hat sich in etlichen Jahren der Tauschring-Routine gut bewährt, und sie ist mißbrauchsicher und läuft hinreichend fehlerfrei. Die Kontokarte kann gleichzeitig als Mitgliedsausweis ausgestaltet sein.

In der ersten Startphase kann man sich auf den unbaren Leistungsausgleich, also den Zahlungsverkehr mit der Kontokarte und ggf. Überweisungen direkt von Konto zu Konto beschränken. Bald werden die Nutzer aber zusätzlich die praktische Bargeld-Variante verlangen, mit der die alltäglichen Zahlungen schneller und unkomplizierter zu tätigen sind.

Neben den Bürgern als Einzelpersonen dürften besonders die Betriebe vor Ort dazu bereit und daran interessiert sein, ein Kontingent des Hier-Geldes herauszugeben. Und noch mehr dürfte die Ankurbelung der Hier-Wirtschaft im größten Interesse der Kommunen liegen, insbesondere jener, die unter der Schuldenlast zu Ausgabenkürzungen im Sozialbereich und weiteren gezwungen sind. Ich kann mir vorstellen, dass in einer nicht fernen Zukunft die Kommunen die großen Emittenten der Zweitwährung sein werden.

Noch erheblich erleichtert kann der Umgang mit dem Bargeld der Zweitwährung werden, indem die Stückelung der Zweitwährungsscheine an die Euro-Geldscheine bzw. an die Erstwährung so angeglichen wird, dass sie zwar eindeutig und schnell unterscheidbar sind, aber eine gleiche Wertstückelung aufweisen, also 5-Regio-, 10-, 20-, 50-Regio-Scheine, wertgleich gesetzt zu den entsprechenden Euro-Geldscheinen. Die Bezeichnung „Regio“ könnte in jedem Land das begriffliche, wertgleiche Pendant zur Erstwährung sein. Im Euroraum würde gelten: 1 Regio = 1 Euro, in der Schweiz: 1 Regio = 1 CHF, in USA: 1 Regio = 1 US-$. Mit solcher Angleichung könnten die beiden Währungen völlig unkompliziert, gleichzeitig und gemischt verwendet werden, ohne zusätzlichen Zeitaufwand und ohne Umrechungen im alltäglichen Zahlungsverkehr.

Für die Zweitgeld-Herstellung in Bargeldform wird der am Herausgabetag vor Ort gültige Kurs zugrunde gelegt. Wenn ein offizieller, allgemeiner Mindestlohn festgelegt ist, wäre dieser die geeignete Kursbasis. Ansonsten kann der ortsübliche Durchschnittssatz für Aushilfsarbeiten und Nachbarschaftshilfe eingesetzt werden. Da 1 Moment immer ein Zehntel einer solchen Basis-Arbeitsstunde wert ist, lässt sich zu jedem Euro- bzw. Erstwährungsbetrag auch der entsprechende Momentwert beziffern. Damit ist die Kursfeststellung und -Kontrolle überall gleichermaßen einfach und nachvollziehbar.

Es gibt verschiedene mögliche Gestaltungsvarianten für die Wertgutscheine. Eine sieht z.B. vor, dass auf dem Geldschein der Herausgeber sowie vom zuständigen Tauschring mit Aufklebemarken oder Stempel gekennzeichnet und signiert werden. Solche Varianten haben eine besonders hohe Fälschungssicherheit. Fälschungsversuche wären sinnlos, weil aufwendig, unergiebig und nicht einschleußbar. Entsprechende Versuche würden in der lokalen Umgebung schnell auffallen, und andernorts würden größere Bargeld-Mengen nicht angenommen.

Sowohl im Giral- wie auch im Barbereich ist die Zweitwährung sicher und vollständig in Form einer „lokalen Netzwerk-Kreditwährung“ gedeckt. Der „Währungsschatz“ besteht in der Menge der Leistungen, die zu erbringen die Mitglieder sich der Gesamtheit gegenüber verpflichten und zwar als Ausgleich für das, was sie sich mit dem ausgegebenen Geld kaufen. Normalerweise geschieht das dadurch, dass die Nutzer Hilfen, Arbeit, Leistungen und Waren sowohl in Anspruch nehmen, als auch selbst anbieten und verkaufen. Ein Geschäft z.B. könnte Waren gegen Moment verkaufen, und seinerseits mit der Zweitwährung Löhne bezahlen. Wenn ein Mitglied aber nachhaltig mehr ausgibt als einnimmt, ist es verpflichtet, das Defizit ersatzweise in Euro auszugleichen. Für bedürftige kranke oder alte Menschen könnte der Hier-Ring zusätzlich zur Unterstützung des Sozialstaates noch einen eigenen Sozialfonds organisieren, aus dem in solchen Fällen eine Unterstützung in Moment möglich wird. Unabhängig davon wird alleine schon das Vorhandensein des Nachbarschafts-Netzwerkes den allgemeinen Level der Bereitschaft zur Nachbarschaftshilfe erhöhen und so die Versorgung der Bedürftigen verbessern. Insbesondere ist damit zu rechnen, dass mit der Bürgerwährung eine großzügigere Spenden- und Gemeinwohlbereitschaft auftaucht, indem klar ist, dass diese Unterstützung wirklich der lokalen Nachbarschaft und konkreten Menschen im Bezugsumfeld zugute kommt.

Für die Teilnahme am Hiergeld-Tauschring wird ein Mitgliedsbeitrag erhoben, der den Standardservice abdeckt. (Sinnvoller wäre es, wenn der Staat die Basiskosten dafür übernimmt.) Für Zusatzleistungen, z.B. für die Bereitstellung von Tauschwertscheinen und Herausgebermarken würden weitere Gebühren anfallen. Hohe Austauschaktivität eines Mitgliedes sollte anerkannt und auch honoriert werden, z.B. durch Gewährung eines höheren Verfügungsrahmens, durch Gebührennachlass und weitere motivierende Maßnahmen.

Die Zweitwährung ist nicht für das Ansparen von Geldvermögen vorgesehen. Durch passives Liegenlassen des Geldes wird dessen Menge tendenziell kleiner . Das lohnt sich also nicht! Für Vermögensbildung stehen weiterhin die Erstwährung und andere Anlageformen zur Verfügung.

Beim Bargeld sorgt die zeitlich begrenzte Gültigkeit der Moment-Wertgutscheine dafür, dass sie nicht liegen bleiben, sondern zirkulieren und sich dabei ständig regenerieren. Gegen Ende der Laufzeit eines Geldscheines kann er auf ein Girokonto gutgeschrieben oder in einen neueren Schein umgetauscht werden. Jenseits der Laufzeit setzen nach einer weiteren Frist Wertabstriche ein, mit denen ein eventuell nicht aktualisierter Wertgutschein stufenweise entwertet wird.

Der Start eines lokalen Zweitwährungs-Ansatzes kann zusammen oder unabhängig von einer Dorf-in-der-Stadt-Initiative organisiert werden. Als Rechtsform ist auch hier der eingetragene Verein geeignet. Noch sinnvoller erschiene es mir, wenn die betreffende Stadt bzw. Kommune selbst die Trägerschaft oder eine unterstützende Schirmherrschaft übernimmt. Damit dürfte vorläufig aber eher noch nicht zu rechnen sein. Immerhin könnten die Kommunen solche Projekte fordern, fördern oder in Auftrag geben. Auch Wohlfahrtsverbände, Hochschulen und Regionalbanken kommen für eine Trägerschaft in Betracht oder könnten sich an einer entsprechenden Arbeitsgemeinschaft beteiligen.

 

Allgemeine Aspekte der Zweitwährung

Das heutige Finanzsystem besteht aus nur einer von zwei notwendigen Hälften. Nur der auf Vermögenszuwachs in wirtschaftlichem Wettbewerb bzw. Konkurrenz orientierte Teil ist entwickelt. Die andere, auf soziale Kooperation und sozialen Gewinn orientierte Hälfte fehlt. Dafür ist kein geeignetes Geldsystem vorhanden, und mit der ersten Währung sind diese Belange nicht auszufüllen. Viel nötiger und möglicher Austausch an der Basis der Gesellschaft geschieht deshalb nicht, ist eher blockiert. Diese Lücken sind durch die Maßnahmen der Sozialstaaten nur mangelhaft und vielfach so gut wie gar nicht zu füllen. Weltweit existiert eine paradoxe Arbeitslosigkeit.

Diese Sichtweise fällt nun allerdings aus dem Rahmen der bisherigen, wirtschaftlichen Denkkonventionen. Es galt Jahrzehnte lang, sogar seit einigen hundert Jahren als eines der selbstverständlichsten Paradigmen der Wirtschaft, dass mit nur einem, auf Vermögenszuwachs und Wirtschaftswettbewerb basierendem Finanz- und Geldsystemsystem alle wirtschaftlichen Menschheitsaufgaben zu erfüllen wären. Das ist in der Zukunft keineswegs mehr möglich und war wohl auch schon in der Vergangenheit ein Irrtum. Das bestehende Modell kann die wirtschaftliche Organisation dieser höchst komplexen Welt nicht vollständig leisten. Es ist zumindest insofern eine Fehlkonstruktion, als die Konstruktion einer Sozialwährung fehlt. Das muss so rasch wie möglich korrigiert und das System dual vervollständigt werden.

Viele der bereits eingetretenen Fehlentwicklungen sind zwar schon seit langem absehbar und überzeugend prognostiziert worden, aber ein Vorstellungsvermögen, was die Konsequenzen wirklich bedeuten werden, war noch nicht vorhanden, und es wurde verdrängt. Mittlerweile wird das Ausmaß der Bedrohlichkeit deutlicher. Wenn wir nicht tatenlos zulassen wollen, dass sich vieles noch weiter zum Schlechten entwickelt, sondern wenn wir stattdessen Zukunft wollen, müssen die gravierendsten Fehler als solche erkannt und wirksam korrigiert werden. Dabei rangieren die Fehler des Finanzsystems auf dem ersten Platz. Doch ist das Thema „Kapitalismuskritik“ derzeit mit größter Berührungsangst besetzt. Es ist in diesem Kontext wohl das am stärksten tabuisierte Thema. Sehr lange schon wird es in der öffentlichen Diskussion in offensichtlichem Konsens gemieden. Und mit seiner Ausblendung bleiben auch neue und möglicherweise problemlösende Alternativen unbelichtet.

Hinter Bildungsnotstand, Arbeitslosigkeit und der immer schwächer werdenden Sozialversorgung taucht immer wieder die Standardbegründung auf: Nicht finanzierbar wegen Staatsverschuldung! Auch die zunehmende Zinspflicht lässt den Schuldenberg weiter anwachsen und sogar ganze Staaten geraten in die Schuldenfalle. Als Ausweg wird immer nach „mehr Wirtschaftswachstum“ gerufen, damit die Produktivität steigt, was weiteren Geldmengenzuwachs und Gewinne bringt. Aber das schiebt die Probleme nur auf und lässt sie weiterwachsen. Und das falsche Wirtschaftswachstum führt global auch keineswegs zu einer Vollbeschäftigung, sondern durch Fusionen, Monopolisierungen und Automatisierung zu weniger Bedarf an menschlicher Arbeitskraft z.B. in der industriellen Produktion.

Die Umstellung auf ein plurales Währungssystem mit zunächst mindestens zwei Währungen ist in diesem Sinne eine tragfähige Brücke in die Zukunft. Mit der Zweitwährung werden auf neue Weise viele Arbeiten und Leistungen der sozialen Selbstversorgung der Bevölkerung sowie auch Elemente der Subsistenzwirtschaft finanzierbar. Es gibt Beispiele dafür, dass Volkswirtschaften mit einem dualen oder pluralen Geldsystem bei ausgeglichenem Wohlstand gut funktionieren können.

Derzeit laufen weltweit schon viele Tausende von Zweitwährungs-Ansätze in Form von Tauschringen, Regiowährungen, Barter-Ringen und Zeit-Banken. Ihre Entwicklung und Erprobung wird mancherorts sogar von der Politik gefördert. Diese Entwicklung hat sich seit ca. 20 Jahren zur aktuellen Dynamik verdichtet, die weiter rapide zunimmt. Als Ziel könnte eine universelle Welt-Bürgerwährung gelten, mit deren Hilfe die sozialen Bedürfnisse der Volkswirtschaften zu einem großen Teil abgedeckt werden können.

Nach meinem Erkenntnisstand gibt es aber bisher noch kein weltweit favorisiertes Zwei-Währungen-Modell. Eine sehr hemmende Rolle spielt dabei die Ungewissheit in einer der Hauptunterscheidungen: Soll die Zweitwährung in ihrer Wertdefinition ohne Ausweichmöglichkeit der Erstwährung (z.B. dem Euro) gleichgesetzt sein, oder soll sie in einer unabhängigen Wertfestsetzung definieren und sich damit von der Erstwährung unterscheiden. Ich vertrete entschieden die Meinung, dass die Bürgerwährung eine von Raum und Zeit und anderen Währungen unabhängige Wertdefinition braucht, die über nationale bzw. Währungsgrenzen hinaus den gleichen Wert darstellt. Sie muss außerdem entsprechend standardisierbar sein und wird trotzdem von eventuellen Verwerfungen bei den Landeswährungen nicht automatisch in Mitleidenschaft gezogen werden. Bei unabhängiger Wertdefinition, solider Gelddeckung und eigener Systemstabilität kann der Zweitwährung in kritischen Zeiten die Rolle einer sozialen Redundanz- bzw. Reservewährung zukommen.

Die systemtypische „selbstverstärkende Ausbreitung“ ist beim Hier-Geld-System dadurch zu erwarten, dass, wenn das Modell in einem oder mehreren Pilotprojekten die angekündigten Erfolge bringt, dann weitere Bürgerschaften und Kommunen solches auch bei sich realisieren wollen. Das ist mittels des verfügbaren Know-Hows und über Internet oder schriftlich vermittelbaren Anleitungen und Beratungen auch leicht möglich. Und dieses wäre nun sozusagen ein „gesundes Schneeballsystem“, das aber nur in den ersten Wachstumsepochen exponentiell zunehmen würde, um sich später harmonisch und ohne weiteren Wachstumszwang auf ein sinnvolles Endniveau einzupendeln; (= „begrenztes“ oder „logistisches“ Wachstum im Gegensatz zu „exponentiellem“ Wachstum.) So kann die Ausbreitung der Zweitwährung erfolgen, und es ist nach dieser Konzeption vorstellbar, dass sie sich innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne bis zur flächendeckenden Verfügbarkeit verdichtet. In diesem Sinne stellt die Einführung einer bürgerschaftlichen Zweitwährung eine mögliche Organisationsform für die schnelle Realisierung dieser Gesellschaftsreform von unten dar.



Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 9392 mal Letzte Änderung am Freitag, 01 April 2011 15:31