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Sonntag, 02 Januar 2011 09:32

Heinz Baumeister: Arbeit=Geld Vermittlung

geschrieben von 

 

Die Idee zu dem Projekt „Arbeit = Geld Vermittlung“ ist in einem Tauschring entstanden, der schon viele Jahre besteht und an dem ich selbst auch teilnehme. Unsere Währung ist, wie in den meisten Tauschringen, die Arbeitszeit, und zwar unabhängig von der Art der Arbeit. Eine Stunde Gartenarbeit ist so viel Wert, wie eine Stunde Computerarbeit. Jedes Tauschringmitglied erhält ein Zeitkonto, auf dem erbrachte und in Anspruch genommene Arbeiten verbucht werden. Es werden neben der Arbeitsleistung auch Güter und Waren getauscht, die, weil auch sie durch Arbeit entstehen, zum Tausch ebenfalls in Arbeitszeit umgerechnet werden. Die von uns genutzte Zeit-Währung kann also sowohl für reine Arbeitsleistungen, wie auch für Waren verwendet werden, die die Mitglieder untereinander ohne Verwendung von Euros tauschen.

Das funktioniert soweit sehr gut und seit neuestem können Tauschringteilnehmer auf der Plattform www.tauschen-ohne-geld.de ihre Zeitkonten sogar „online“ verwalten. Dadurch ist die Übersicht über Angebote und Nachfragen problemlos und schnell möglich und der Tauschvorgang kann unabhängig von räumlichen und zeitlichen Begrenzungen erfolgen. Hier erleichtert die Technik den Aufbau eines selbstverwalteten Netzwerks ungemein.

Obwohl es weltweit eine Zunahme von so genannten Bartergeschäften (Tauschgeschäfte unter gewerblichen Partnern) gibt und die Verbindung eines Tauschringes von nicht gewerblichen Teilnehmern mit zum Beispiel Geschäften vor Ort viele weitere, interessante Möglichkeiten erschließen würde, ist es leider zurzeit noch so, dass viele industriell hergestellte Produkte nicht auf Tauschbasis erworben werden können. Hier liegt eine Entwicklungsaufgabe für die Zukunft, der man sich durchaus annehmen könnte (und sollte). Möchte jemand z.B. seine Wohnung tapezieren lassen, muss er/sie die Tapeten in Euro bezahlen. Fehlen die Euros, kommt auch kein Tauschgeschäft zustande. Es stellt sich also die Frage, wie sich der Euro nach Tauschringkriterien integrieren lässt, bzw. was den Euro von der Tauschringwährung eigentlich unterscheidet? Würde man diese Frage mit einem organisierten System beantworten können, ergäbe sich für finanziell schlechter gestellte Personen ein sinnvoller Zugang zu einem sonst nicht möglichen Konsum (die Tapeten mit einer Tauschwährung bezahlen) und für Gewerbetreibende die Chance auf Umsatzsteigerungen, die auch auf der Basis der entgegengenommenen Tauschwährung direkt wertvoll wären, weil die beteiligten Gewerbebetriebe ihrerseits untereinander auch wieder die Tauschwährung (für Bartergeschäfte) anerkennen.

Um zu verdeutlichen, worum es prinzipiell geht, sei zunächst festgestellt, dass jeder Euro ja auch durch Arbeit erwirtschaftet werden muss. Es lässt sich also auch für Euro-Geschäfte (wie im Tauschring) vereinfacht die folgende Gleichung aufstellen:

 

Geld = (gespeicherte) Arbeit

 

Arbeit: Waren und Güter entstehen durch Arbeit

Geld: Wertmaßstab, Wertaufbewahrung, Tauschmittel

 

Ein wesentlicher Unterschied der gewöhnlichen Euro-Welt zum Tauschring besteht jedoch darin, dass durch Zins und Zinseszins eine ständige Umschichtung von der Arbeit zum Geld (Geldbesitzer) stattfindet. Die Zinsen sind eine Eigenschaft, die wir Menschen dem Geld irgendwann einmal gegeben haben, die aber nicht nur nicht sein muss, sondern die auch zu problematischen Phänomenen führt, denn Zinsen wandern ja immer vom Schuldner zum Gläubiger und damit von arm zu reich. So entsteht ein immer größeres Ungleichgewicht. Wie dramatisch diese Entwicklung ist, drückte die NRZ schon vor zehn Jahren in einem Beitrag folgendermaßen aus:

 

Wohlstand und Armut

Das Vermögen der drei reichsten Menschen der Welt übersteigt das Bruttoinlandsprodukt der 48 ärmsten Länder mit zusammen 600 Mill. Einwohnern. Die 200 Reichsten besitzen mehr als das Gesamteinkommen von 41% der Weltbevölkerung

(NRZ am 13.2.2000)

 

Nun kann man sich anhand der Zinseszinsformel leicht ausrechnen, wie der Stand heute ist. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt, aber so makaber es klingen mag gibt es in dieser Entwicklung nach unten natürliche Grenzen, denn Menschen sterben an Hunger und Krankheit, wenn sie sich das Lebensnotwendige nicht mehr leisten können.

Wenn man nun daran geht, den Euro in den Tauschring zu integrieren, indem man die privaten Tauschgeschäfte mit der „gewöhnlichen Konsumwelt“ verbindet, darf der Euro also nur zinslos vermittelt bzw. verliehen werden. Würde man diese Regel nicht prinzipiell und von Anfang an aufstellen, würde man einen Nachteil des gewöhnlichen Geldsystems nur fortschreiben. Unter zinslos ist dabei meiner Meinung nach problemlos auch ein zu zahlender Inflationsausgleich von ca. 1-2% zu verstehen, der aber seinerseits nicht weiter verzinst wird (Zinseszins).

Der zweite wichtige Punkt ist die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Arbeiten im Tauschring. Ein akademisch ausgebildeter Mensch leistet keine wertvollere Arbeit, als ein Handwerker. Darum ist es erforderlich, einen für alle Teilnehmenden verbindlichen Arbeitslohn von z.B. 10€/Std. für alle Arbeiten festzulegen. Die zehn Euro können einem Wert von 20 Talenten entsprechen, die die eigentliche Verrechnungseinheit im Tauschring darstellen.

 

Ziele von Arbeit = Geld Vermittlung

- Vermittlung von Leistungen: Geld + Arbeit

zinslos, Inflationsausgleich (ca. 1-2%)

Rückzahlung von Krediten auch durch Arbeit

(Tauschringwährung, Regio)

Wertmaßstab: 1 Arbeitsstunde = 10€ /20Talente

- Sozial gerechte Vermögens- und

Schuldenberatung

- Aufklärung: Geld muss dem Menschen dienen

 

So geht`s

Geldgeschäfte unterliegen grundsätzlich der Bankenaufsicht (Bafin), aber die Vermittlung von Krediten ist jedoch unter gewissen Umständen möglich. Vielleicht haben Sie jemandem, Ihrem Nachbarn oder gutem Freund zum Beispiel schon mal Geld geliehen? Nichts anderes findet bei „Arbeit = Geld Vermittlung“ statt. Die Kreditverträge müssen aber direkt zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer abgeschlossen werden, denn „Arbeit = Geld Vermittlung“ ist keine lizenzierte Bank. Es gibt einige Online-Plattformen, auf denen das bereits realisiert wird.

In Zusammenarbeit mit einer Bank und der Einrichtung von Treuhandkonten ließe sich die Vermittlung von Krediten einfach und flexibel handhaben. Jeder Kreditgeber bekommt ein Treuhandkonto über dass der Vermittler („Arbeit = Geld Vermittlung“) im Auftrag verfügen kann.

Auch innerhalb einer Solidargemeinschaft dürfen, ähnlich dem Kredit eines Privatmenschen an seinen Nachbarn über ein Gemeinschaftskonto Kredite vergeben werden. Dies steht nicht im Widerspruch zu den gesetzlichen Regelungen für Bankgeschäfte.

 

Beispiele

Rentner - Student

Ein Rentner finanziert das Studium eines Studenten. Der Student verpflichtet sich Leistungen bei ihm abzuarbeiten indem er z.B. Haus und Garten in Stand hält. Gleichzeitig verpflichtet er sich in Zukunft Kleinkredite zu gleichen Konditionen zu vergeben! Die Verwaltung von „Arbeit = Geld Vermittlung“ übernimmt die Kredit-Kontoführung, die Euro-Zahlungen erfolgen direkt zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer. Die Verrechnung kann auch über den Tauschring erfolgen, was bedeutet dass der Student dann nicht mehr nur direkt für den Rentner arbeiten muss, sondern auch irgendwelche anderen Tätigkeiten im Tauschring anbieten kann, ohne das der Rentner einen Nachteil hätte.

Überschuldung

Eine alleinerziehende „arbeitslose“ Mutter hat ihr Konto um 2.000 € überzogen und zahlt dafür 17% Zinsen (340 € /Jahr). Die Verwaltung von „Arbeit = Geld Vermittlung“ vermittelt Kreditgeber, die ihr 2.000 € Kredit geben. Nun kann Sie ihr Konto bei der Bank ausgleichen und die so in Zukunft eingesparten Zinsen für die Überziehung des Kontos werden zur Tilgung verwendet. Sie bietet außerdem zukünftig Kinderbetreuung im Tauschring an, um den Kredit zurückzuzahlen und darüber hinaus einen Teil ihrer Lebenshaltung durch Tauschgeschäfte zu bestreiten.

 

Renovierung Kindergarten

Der Kindergarten muss dringend renoviert werden. Viele Eltern, Angehörige und engagierte Bürger sind gerne bereit der Stadt einen kleinen zinslosen Kredit dafür zu geben 400 Bürger geben einen Kredit von durchschnittlich 500 €. Mit den 200.000 € können wichtige Maßnahmen auch im Bereich Energieeinsparung realisiert werden.

 

Sonnenkollektor

Ein Hausbesitzer benötigt 3.000 € zum Kauf eines Sonnenkollektors. Für die Montage erhält er vom Tauschring einen Kredit von 2.000 Talenten (1.000€). Außerdem werden zehn Kreditgeber vermittelt, die ihm gemeinsam die für den Kauf benötigten 3.000 € Kredit geben. Er zahlt pro Jahr einen Inflationsausgleich von 2% + 1% auf ein Sozialkonto. Gleichzeitig verpflichtet er sich in Zukunft Kleinkredite zu gleichen Konditionen zu vergeben! Da keine Zinsen zu zahlen sind, rechnet sich die Investition sofort.

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern, denn in sehr vielen Bereichen fehlt heutzutage das Geld! Warum also nicht umdenken, die ausgetretenen Pfade verlassen und etwas neues versuchen. Manche Redewendung würde sich komplett verändern, denn was geschieht, wenn wir Bürger/innen die Geldangelegenheiten wirklich in die eigenen Hände nehmen, in dem wir eigene Wirtschaftsverbünde wie den hier vorgeschlagenen gestalten? Es verändert sich nicht nur unser Verhältnis zum Geld, sondern auch jenes, das wir zueinander, also von Mensch zu Mensch haben.



Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 10145 mal Letzte Änderung am Freitag, 01 April 2011 15:28