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Sonntag, 02 Januar 2011 09:49

Tino Kreßner: Crowdfunding (Startnext)

geschrieben von 

 

Beim Crowdfunding finanzieren viele Menschen gemeinsam ein Projekt. Der Begriff tauchte erstmals im Jahr 2006 auf, als es die Plattform sellaband.com Künstlern ermöglichte, ihr Album durch Fans vorfinanzieren zu lassen. Anders als beim Fundraising bekommen die Geldgeber beim Crowdfunding zum Beispiel das fertige Werk (Vorfinanzierung), individuelle Geschenke (Dankeschöns), Medialeistungen (Sponsoring), Möglichkeit der Kulturförderung (CSR), eine Spendenquittung oder eine Gewinnbeteiligung. Unterstützer erhalten darüber hinaus eine emotionale Beteiligung am Projekt, Unterhaltung & Entertainment durch den Projektverlauf und einen Wissensvorsprung durch interne Informationen, die nur für Unterstützer bereit gestellt werden.

Das Geld ist dabei immer an das jeweilige Projekt gebunden. Ein Verwendungsnachweis für die Gelder, wie bei klassischen Förderungen, wird nicht benötigt, denn hier zählt die Reputation des Projekteinstellers. Nach der erfolgreichen Projektfinanzierung hat dieser nicht nur das Geld zur Verfügung, sondern in der Regel viele neue Fans, die nun die Umsetzung seines Projektes begleiten. Damit wird es möglich Unterstützer frühzeitig in den Entstehungsprozess eines künstlerischen Projektes, eines Startups oder Produktes einzubeziehen. Geldgeber werden an das Projekt gebunden, da sie in der Regel nicht nur das fertige Produkt oder einen finanziellen Gewinn erhalten, sondern mit ideellen Werten und Dankeschöns begeistert werden. So verspricht der Musiker vielleicht diese mit im Booklet zu nennen oder an einem Tag ins Produktionsstudio einzuladen. Filmemacher können ihre Geldgeber zum Beispiel im Film auftreten lassen oder zu internen Testscreenings einladen. Der Name eines Geldgebers wird bei dem neuen Buch eines Autors gar der des Titelhelden und das Gemälde wird vom Maler persönlich unterschrieben. Bürger haben so die Möglichkeit gemeinsam die Kulturlandschaft ihres Landes zu gestalten.

Bis zum Erhalt der Dankeschöns ist es ein langer Weg, denn beim Crowdfunding wird oftmals zunächst die Idee online gestellt und das Geld für deren Realisierung gesammelt. Um die Qualität der zu finanzierenden Vorhaben sicher zu stellen, gibt es auf den meisten Crowdfunding-Plattformen einen weiteren Unterschied zum Fundraising: Der Initiator erhält erst das Geld, wenn sein Projekt 100% in einer von ihm festgelegten Zeitspanne erfolgreich finanziert wurde. Scheitert dies, erhalten alle Unterstützer ihr Geld zurück und können nun in neue Projekte investieren. Damit sich die eigene Investition auch lohnt und das Dankeschön auch tatsächlich realisiert wird, werden alle bisherigen Unterstützer kräftig Werbung bei ihren Freunden oder über eigene Kommunikationskanäle forcieren. Jeder Geldgeber wird so gleichzeitig zum Weiterempfehler und das zu zwei Zeitpunkten: Während der Finanzierung, um sein Dankeschön auch tatsächlich zu erhalten und während der Distribution, um entweder die eigene Gewinnbeteiligung zu erhöhen oder sich im eigenen sozialen Netzwerk zu positionieren. Diese Weiterempfehlung ist bedeutend, nimmt doch die Wahrnehmung von Werbung in unserer Informationsflut immer stärker ab. Zudem haben Künstler oder Gründer, die ihr Projekt mittels einer Community finanzieren lassen meist nicht das nötige Budget für große Werbekampagnen.

Anfang 2010 ist in Amerika mit Kickstarter.com die erste Crowdfunding-Plattform durchgestartet. Bereits über 2.800 Projekte sind hierüber finanziert worden (Stand: Oktober 2010) – vordergründig im Bereich Kunst und Kultur, aber auch Lebensmittelhersteller, Modedesigner und Erfinder haben hier ihren Platz gefunden. Eine Gewinnbeteiligung gibt es auf Kickstarter.com nicht. Die Initiatoren versuchen meist mit einem Video von sich oder dem Projekt zu überzeugen. Nach dem gleichen Vorbild sind mit indiegogo.com und rockethub.com weitere vielversprechende Crowdfunding-Plattformen online gegangen. Mit fundbreak.com oder sonicangel.com wagen sich nach sellaband.com nun auch die ersten anderen Länder an das Thema Crowdfunding.

Als Leuchtturm ist das Projekt „Diaspora“ im Juni 2010 durch die Presse gegangen und hat das Thema Crowdfunding einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Für die Entwicklung einer Internetplattform haben vier Studenten 10.000 US-Dollar gesucht. Mit der Plattform wurde Facebook der Kampf angesagt und angekündigt ein Pendant zu entwickeln, was bessere Vorkehrungen im Bereich Datenschutz treffen wird und die Daten seiner Nutzer dezentral immer auf dem eigenen Rechner des Anwenders speichert. Dies fand enormen Zuspruch in der Bevölkerung, die das Projekt gemeinsam mit 200.641 US-Dollar überfinanziert hat. Unter den 6479 Spendern befand sich auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Im Interview mit dem Magazin Wired sagte Zuckerberg: „I donated. I think it is a cool idea.“

Eine weitere Entwicklung im Bereich Crowdfunding lässt sich seit dem Jahr 2010 auch in der Startup-Szene feststellen. Investoren werden hier zu Mikro-Business Angels und am Gewinn des Startups beteiligt. In Deutschland wird dieses Thema durch die Plattform www.seedmatch.de besetzt. International gilt www.growvc.com als Pionier.

 

Crowdfunding in Deutschland

In Deutschland ist im September 2010 mit startnext.de die erste Crowdfunding Plattform gestartet. Die Herausforderung ist es, auf die vorherrschende Vereins- und Förderlandschaft in Deutschland einzugehen. Kulturprojekte werden häufig über Förderungen durch den Staat finanziert. So werden jedes Jahr 8 Mrd. EURO in die Kultur des Landes investiert. Aber auch hier werden die Ausgaben gekürzt: 220 Mio. EURO stehen den Künstlern und Kreativen jedes Jahr weniger im Vergleich zum Vorjahr zur Verfügung. Gleichzeitig steigt das Potential der Künstler, sich von deren Labels oder Verlagen unabhängig zu machen. Mit MySpace und Facebook kann die Promotion selbst organisiert werden und durch iTunes und Amazon wird auch beim Vertrieb nicht zwingend die Unterstützung eines Labels oder Verlags benötigt. Die Produktionstechniken für die Herstellung werden stetig günstiger, so dass der Schritt zur Finanzierung der eigenen Projekte nur eine logische Folge ist. Zudem können die Projektinitiatoren das Crowdfunding auch zur Marktrecherche nutzen und prüfen wie viele Personen tatsächlich bereit sind Geld für das fertige Produkt zu zahlen. Wurden erst einmal genügend Unterstützer gefunden, ist der Weg zu einem Label, einem Verlag oder Produktionsstudio einfacher, denn auch dieser kann sofort das Potenzial des Projektes und damit das Interesse der Unterstützer online einsehen.

Bei startnext.de gibt es durch die Kooperation mit der Fidor Bank AG zudem ergänzende Finanzierungsdienstleistungen: So können sich die Projektinitiatoren von Unterstützern Geld leihen oder Mikrokredite beantragen. Durch die Einzahlung eines Eigenanteils, steigt auch die Glaubwürdigkeit des Initiators. Ebenso können hier externe Förderungen oder Finanzierungen angegeben werden und die das noch zu finanzierende Budget verringern. Für die Projektinitiatoren ist die Teilnahme immer kostenlos. Startnext nimmt sich wie viele andere Plattformen lediglich einen Anteil des erfolgreich finanzierten Budgets, um so die Infrastruktur für die Finanzierung sicher stellen. Startnext nutzt die e-wallets der Fidor Bank, wodurch keinerlei Transaktionskosten bei der Unterstützung eines Projektes entstehen

Der Herausforderung für Kreative und Künstler in Deutschland ist es, bereits in der Finanzierungsphase Marketing für das eigene Projekt zu lancieren. Dies fordert ein Umdenken. Projektinitiatoren, deren Vorhaben im Vorfeld durch eine Förderung finanziert wurden, mussten in der Regel das eigene Konzept an die Richtlinien der Förderung anpassen und bürokratische Formulare ausfüllen. An dieser Stelle ist werbliche Sprache nicht gewünscht. In dem Förderantrag gilt es auf die Anforderungen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, Toleranz oder Bildung einzugehen. Bei wirtschaftlichen Förderungen, wie den meisten Filmförderanstalten, wird eine detaillierte Kalkulation und ein Rückflussplan erwartet. Die Richtlinien und bereits detaillierte Planung der Vorhaben schränkt Künstler bei deren kreativer Entfaltung ein. Beim Crowdfunding sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt. Es gilt Unterstützer zu begeistern und zu motivieren, dass eigene Projekt zu finanzieren. So fließt die kreative Energie also schon während der Finanzierung in das Projekt. Vermutlich werden zur besseren Vermarktung in Deutschland auch verstärkt Agenturen, Labels, Verlage und Produktionsfirmen im Crowdfunding-Prozess involviert sein.

Und so funktioniert es:

1. Beim Crowdfunding beginnt alles mit einer Idee und der multimedialen Ausgestaltung des Projektes. Der Projektinitiator legt dazu das benötigte Budget und einen Zeitraum fest, bis wann die Finanzierung laufen soll. Durch die gestaffelten Dankeschöns definiert er, was jeder Unterstützer ab welcher Unterstützungshöhe bekommt.

2. Mit Weiterempfehlungs-Funktionen, wie z.B. Widgets, Social Bookmarking oder dem Teilen auf Facebook kann das Projekt über die Plattform hinweg bekannt gemacht werden. Eine Vielzahl von einzelnen natürlichen oder juristischen Personen (Crowd) finanzieren gemeinsam das Projektvorhaben mit Teilbeträgen. Eine Überfinanzierung innerhalb des Projektzeitraums ist möglich.

3. Bei erfolgreicher Finanzierung wird das vorher definierte Budget übermittelt. Bleibt die Finanzierung während dieses Finanzierungszeitraumes erfolglos, bekommen die Unterstützer ihr Geld zurück.

 

Motive und Hintergründe für die Gründung von Startnext

Die Idee zu Startnext ist über drei Wege gekommen. Mit unserem Spielfilm "Mitfahrgelegenheit" hatten wir unter filmtrip.de die erste Web 2.0-Spielfilmproduktion realisiert und konnten mit der Kraft der Community als einstiges Studenten-Projekt sogar in die Kinos gelangen. Über 2.150 Personen standen bei uns im Abspann, die von der Schauspieler-Auswahl, Storydiskussion, Titel, Merchandising, Soundtrack, usw. verschiedenste Etappen mitgestaltet haben. Die daraus entstandene Mundpropaganda und das Interesse rund um den Film war enorm, so dass wir uns überlegt hatten, dieses Prinzip auch für andere Filmemacher einfach realisierbar zu machen. In meiner Abschlussarbeit habe ich u.a. über SellaBand geschrieben, die als Crowdfunding Plattform für Musiker nun bereits über drei Jahre am Markt sind. Wir haben uns also überlegt dieses Konzept auch auf den Filmbereich zu übertragen. Zu dieser Zeit sind wir mit der Firma tyclipso.net zusammen gezogen, die gerade an dem Projekt Seedmatch.de arbeiteten, bei dem man Mikro-Business-Angel von Startups werden kann. Im Zuge von deren Recherche hat der Geschäftsführer von tyclipso.net Denis Bartelt die gerade neu gestartete Plattform Kickstarter.com entdeckt und noch im September 2009 haben wir mit der Konzeption zu startnext begonnen.

Wir glauben an die Macht der Community und das Potential gemeinsam Projekte zu finanzieren. Trotzdem es auf startnext.de um die Finanzierung geht, spielt Geld keine so große Rolle. Es geht um die Unterstützung der Idee, um die Motivation der Kreativen und die Dankeschöns, die ein Unterstützer erhalten kann.



Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 31641 mal Letzte Änderung am Freitag, 01 April 2011 15:16